Vom Fortschreiben virtueller Gespräche

„Für ein gutes Tischgespräch kommt es nicht so sehr darauf an, was sich auf dem Tisch, sondern was sich auf den Stühlen befindet.“
Walter Matthau

Ein Dinner ist ein gesellschaftliches Event. In einem feierlichen Rahmen treffen geladene Gäste aufeinander, konversieren, diskutieren, dinieren. Ein Dinner kann berufliche Gründe haben oder private, es ist ein besonderer Anlass, für den man sich fein macht. Man tauscht sich aus mit den anderen Gästen, zu zweit oder zu mehreren. Was aber, wenn das Gegenüber nicht besetzt ist? Wenn nicht klar ist, wer beim Dinner anwesend ist? Wenn eine Leerstelle ist?

Maks Dannecker und Barbara Rapp laden ihre Gäste zu einem “Dinner. Mit …“. In der Wiener Galerie Peithner-Lichtenfels inszenieren sie ihr Gastmahl in einer raumgreifenden Installation, die dem Besucher Spuren virtueller Tischgespräche präsentiert: Über einen längeren Zeitraum haben die Künstlerinnen in diversen Social Networks, aber auch via Instant Messaging, Weblogs oder SMS vor ausgewählten virtuellen Kontakten Fotografien zur Diskussion gestellt. Damit war die Gesprächsrunde überschaubar, wenn auch in anderen Dimensionen als in reality.

Unter der Leitung von Dannecker und Rapp kommentieren die virtuellen „Dinner-Gäste“ die Aufnahmen, diskutieren, streiten, fragen nach, ironisch, nachdenklich, kritisch – Kommentare, die die Künstlerinnen sammeln. Das Web 2.0 eröffnet hier eine neue Art der Interaktion: Kommunikation findet zwar nicht von Angesicht zu Angesicht statt, aber es entsteht eine andere Art des Gesprächs, das über einen längeren Zeitraum laufen kann. Antworten können reflektiert, revidiert, neu kommentiert und erläutert werden. Die Diskussion ist zeitlich wie räumlich ungebunden und offen, ja, im Grunde genommen auch nie zu Ende, es sei denn die Moderatorinnen schließen einen Diskussionsthread.

Die zur Diskussion gestellten Fotografien sind fotografische Relikte, die Dannecker im Laufe verschiedener Projekte in Europa und dem Nahen Osten gesammelt hat. Ausgewählt haben die Künstlerinnen Arbeiten, die „Leerstellen“ offen lassen: Viele Aufnahmen erscheinen auf den ersten Blick eher unaufgeregt, manche Motive sind verschwommen und geben nicht ohne Weiteres zu erkennen, was darauf zu sehen ist. Zudem werden der Diskussionsrunde bewusst keinerlei Informationen zu den Fotografien gegeben. Ganz im Sinne der Rezeptionsästhetik begegnen die virtuellen „Dinnergäste“ Aufnahmen, deren Bedeutung sich nicht eindeutig aus dem zu sehenden Motiv heraus erschließt, sondern die in ihrer Deutung für Interpretation und Assoziation offen sind. Was Wolfgang Iser etwa für Leser eines Textes formuliert hat, gilt auch für die Betrachter der Fotografien: „Der Leser [oder Betrachter, d. Verf.] wird die Leerstellen dauernd auffüllen beziehungsweise beseitigen. Indem er sie beseitigt, nutzt er den Auslegungsspielraum und stellt selbst die nicht formulierten Beziehungen zwischen den einzelnen Ansichten her. [...] Erst die Leerstellen gewähren einen Anteil am Mitvollzug und an der Sinnkonstitution des Geschehens.“ ¹

Dadurch eröffnen die Fotografien dem Betrachter Möglichkeiten, die ihn zu überraschenden, kreativen, verblüffenden Gedanken und Assoziationen anregen. Sie erweisen sich als offen, geheimnisvoll, unbestimmt – als „leer“ an vorbesetzter Bedeutung und damit als ideale Ausgangspunkte einer thematisch offenen Diskussion. Die Kommentare sind Annäherungen, Deutungsversuche, Ideen, Überlegungen, kurz: Ansätze, die Leerstellen der Fotografien mit Bedeutung zu füllen.

Fragmente dieser gesammelten Online-Gespräche haben die Künstlerinnen herausgegriffen und für die weitere Gestaltung ihrer medienübergreifenden Arbeit genutzt. So hat Rapp in Reaktion auf diese Diskussionen Danneckers Fotoarbeiten in ihrer charakteristischen Formensprache bearbeitet, indem sie, inspiriert von den Gesprächen, direkt auf die Fotografien ihre individuelle Sicht der „Leerstellen“ dieser Bilder eingeritzt, übermalt, gerissen hat. Auf dem Papier entstehen so tatsächlich fassbare Leerstellen – die inhaltliche Unbestimmtheit der Fotografien wird einerseits mit Bedeutung und Interpretation gefüllt, andererseits erhalten sie im Bearbeitungsprozess neue „Fehlstellen“. Aus der virtuellen Diskussion wird ein Dialog zwischen den Künstlerinnen. Während Danneckers Fotografien und Recherchen gleichsam den Auftakt der Diskussionen bilden, stellen Rapps Eingriffe einen – sehr persönlichen – Epilog zum Prolog der Fotografin dar. Verschiedene künstlerische Medien treffen aufeinander, Inhalte und Motive begegnen sich, reagieren miteinander, formen neue Bildwelten.

Als Mittel- und Ausgangspunkt einer Diskussion sind die bearbeiteten Fotografien zentriert im transparenten „Inneren“ hinter Plexiglasplatten installiert. Darüber wurden mit schimmerndem Silberstift Fragmente der virtuellen Diskussionen geschrieben. Diese „Gesprächsfetzen“ lösen Dannecker und Rapp aus dem jeweiligen Kontext, recherchieren dazu, ergänzen sie inhaltlich, stellen sie erneut zur Diskussion. Durch die Eingriffe der Künstlerinnen entstehen neue, fiktive „Gesprächspartner“, die auf den virtuellen Diskussionen basieren, diese jedoch zugleich weiterentwickeln und um neue Deutungsebenen erweitern.

So wird nicht nur der Entstehungsprozess, der die Künstlerinnen zur Gestaltung ihrer Arbeiten geführt hat, sondern auch ein Resümee eines Gesprächs visualisiert – eines im wahrsten Sinne mehrschichtigen Gesprächs, das abgeschlossen, aber doch noch nicht zu Ende ist, denn die Arbeiten können selbst wieder Ausgangspunkt einer Diskussion werden: Der Betrachter wird Zeuge einer Konversation, ohne anwesend gewesen zu sein, und kann zugleich selbst teilnehmen und die Leerstelle im Dinner zeitweilig besetzen. Dannecker und Rapp streben die Interaktion der Ausstellungsbesucher und Betrachter ihrer Arbeiten an, Impulse und Feedback in Form von Kommentaren auf einem internen Projektblog sind ausdrücklich erwünscht. Ihr Kollaborationsprojekt wird zum „work in progress“, das nicht nur den Künstlerinnen die Möglichkeit zum stetigen Dialog bietet, sondern auch den Rezipienten.

Der Prozesscharakter ist ein wesentlicher Teil der Arbeit von Dannecker und Rapp. Seit 2008 arbeiten die beiden an diversen Projekten zusammen, die um die Themen Kommunikation, Internet, virtuelles und reales Miteinander und Interaktion kreisen, dabei aber stets auch die Möglichkeiten anderer künstlerischer Disziplinen und externer Vorgänge integrieren. Als visuelle Künstlerin recherchiert Maks Dannecker ihre Projekte, die sie in Fotografien, aber auch mit Mixed Media, Slideshows und Installationen verarbeitet, intensiv. Es gibt kein „Primärprojekt”, sondern die bewusste Beschäftigung mit den vielfältigen Facetten des Menschen in seiner Welt. Ihre thematischen Schwerpunkte setzen sich vor allem mit Gesellschaft und Memetik, Identität und Sicherheit, aber auch mit dem technologischen Wandel, den Edelmetallmärkten und Alchemie sowie mit Glaube und Mythologie auseinander. Barbara Rapps Arbeit fokussiert die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft und beschäftigt sich mit Themen wie Individualismus, dem Verhältnis von Männern und Frauen oder dem grassierenden Schönheitswahn. Ihre Beobachtungen aus den Medien, den sozialpolitischen Entwicklungen der Gesellschaft, aber auch in ihrem direkten Umfeld verarbeitet sie in Collagen, Gemälden und Grafiken sowie in Mixed Media, Objekten und Videos. Sie bedient sich dabei einer zuweilen humorvollen, zuweilen drastischen Bildersprache und präsentiert ihre Themen mit einem kritischen Augenzwinkern, um Fragen aufzuwerfen und für gesellschaftliche Probleme zu sensibilisieren, ohne dabei den Anspruch zu erheben, dem Betrachter allgemeingültige Antworten vorzusetzen.

Katalogtext: Simone Kraft | Jänner 2011

Simone Kraft, M. A. (*1980) ist Kunst- und Architekturhistorikerin aus Heidelberg und promoviert über die dekonstruktivistische Architektur. Sie arbeitet als freie Kunst- und Architekturjournalistin, Kuratorin, Redakteurin und Lektorin, publiziert regelmäßig in verschiedenen Kunst- und Architekturmedien und betreibt den Blog deconarch.com über Kunst und Architektur.

¹ Wolfgang Iser, Die Appellstruktur (1970), in: Rainer Warning (Hg.), Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis, München 1975 (= Utb 303), S. 234–236.

Kommentare

One Kommentar zu “Vom Fortschreiben virtueller Gespräche”

  1. Project Space : Maks Dannecker am Februar 26th, 2011 10:44

    [...] Informationen zum Projekt Dezember 24, 2010 | abgelegt unter Projekt: Beim Dinner. Mit…  [...]

Schreibe einen Kommentar




Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes